Geschwisterliebe oder Problemwelpen?

Von der schweren Aufgabe, zwei Welpen gleichzeitig zu erziehen.

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So mancher, der zum Welpen gucken fährt, lässt sich von den tapsigen Fellknäueln so bezaubern, dass er gleich ein Pärchen mit nach Hause nimmt. Da haben die Hundebabys gleich einen Spielgefährten, die beiden Geschwisterchen verstehen sich doch so gut, auch das Alleinbleiben fällt viel leichter. Oder???

 

Zwei, die sich genug sind
Zugegeben, Welpen aus einem Wurf sind eng mit einander verbunden. Acht Wochen oder länger haben sie miteinander gekuschelt, gespielt, gerauft und die Welt erkundet. Sie teilen dieselben Erfahrungen, die genetische Ausstattung und, da sie ja derselben Rasse angehören, auch die  Körpersprache.

 

Klar, dass sich die beiden viel miteinander beschäftigen. Der Nachteil: Sie sind sich auch selbst genug. Sie brauchen ihre Menschen nicht so nötig – denn kuscheln, spielen, raufen und die Welt erkunden können sie weiterhin zu zweit.

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Und das den ganzen Tag. Auch der eifrigste Welpenbesitzer hat mal etwas anderes zu tun, als sich mit den Hundekindern zu beschäftigen – Wäsche waschen, Wohnung putzen, arbeiten gehen. Die  Welpen aber können sich 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche miteinander vergnügen.

 

Aber gerade in den ersten Wochen im neuen Zuhause soll eine Bindung entstehen zwischen Mensch und Hund. Diese Bindung sorgt dafür, dass unsere Hunde zu uns flitzen, wenn wir sie rufen. Dass sie auf unsere Signale hören und sie gern ausführen. Dass sie auf uns achten, wenn wir zusammen durch den Wald spazieren. Und dass sie Spaß daran haben, mit uns zu arbeiten oder einen Sport auszuüben.

Foto: Stefanie Simon

Zwei, die viel Zeit brauchen
Natürlich ist es möglich, auch mit zwei (oder sogar mehr) Welpen gleichzeitig diese Bindung aufzubauen und mit ihnen den nötigen Grundgehorsam zu trainieren. Aber – man ahnt es schon – das braucht mindestens doppelt so viel Zeit wie mit einem Welpen.

 

Denn zwei kleine Wusel gleichzeitig dazu zu bewegen, sich auf Signal hinzusetzen, hinzulegen, an lockerer Leine zu laufen oder auf einen Rückruf zu reagieren, ist sehr, sehr schwer. Also muss der Mehrwelpenbesitzer mit jedem einzeln trainieren. Mindestens einmal am Tag, besser öfter. Und mindestens ein Jahr lang, bis der Hund (einigermaßen) erwachsen ist und der Grundgehorsam sitzt.

 

Auch wenn es um Stubenreinheit geht, braucht der Mensch am besten vier Hände: Kaum hat er den einen Zwerg nach draußen befördert, sucht sich der zweite eine ruhige Wohnzimmerecke für sein Geschäft. Und zwei sind auch doppelt so kreativ, wenn es um Unsinn geht.

 

Übrigens: Das Spielen mit dem Geschwister reicht nicht als Beschäftigung für die Hunde. Auch wenn die beiden im Garten toben können – Beschäftigung für Kopf und Pfoten muss trotzdem sein, mit ihren Menschen zusammen.

 

Zwei, die sich doppelt so stark fühlen
Mehrhundebesitzer wissen: Wenn sie mit ihrer Truppe unterwegs sind, weichen andere Hunde gern aus. Denn zusammen fühlt sich die Meute stark. Wo einer allein sich eher vorsichtig oder schüchtern verhält, mutiert die Gruppe zu Rockern im Hundefell.

 

Bei Wurfgeschwistern ist es noch wichtiger, sie einzeln auf den Spaziergang zu nehmen. Nur so lernen sie, sich mit anderen Hunden, fremden Tieren oder neuen Situationen allein auseinander zu setzen – und sich bei Hundebegegnungen höflich und sozial angemessen zu verhalten.

Foto: Stefanie Simon

Zwei, die bald erwachsen werden
Im Welpenalter sind sie noch die besten Kumpels. Aber wenn sie erwachsen werden, suchen sie sich ihren Platz in der Familienstruktur. Und das wird schwer, vor allem, wenn es sich um zwei Rüden oder zwei Hündinnen handelt. Mit der Pubertät können heftige Konkurrenzkämpfe auftreten.


Immer zu zweit und nie allein?

Im Hundeleben gibt es mit Sicherheit Gelegenheiten, bei denen mal einer ganz allein bleiben muss. Selbst, wenn die zwei im Alltag immer zusammen sind. Aber was, wenn sich einer verletzt und einige Tage in der Tierklinik bleiben muss? Was, wenn ihr Mensch verreist oder ins Krankenhaus muss und niemand kann zwei Hunde aufnehmen?

 

Daher muss auch das geübt werden. Allein zuhause bleiben, allein im Auto warten, allein trainieren, allein über Nacht bei den Freunden, die im Notfall einspringen würden. All das braucht – natürlich – wieder viel Zeit.

Foto: Sonja Wissmann

Zwei sind doppelt so viel
Klar, das gilt für alle Menschen, die zwei oder mehr Hunde in ihrem Haushalt haben. Aber der Vollständigkeit halber wollen wir es nochmal erwähnen: Zwei Hunde, das bedeutet

  • zwei Leinen in der Hand 
  • doppelt so hohe Kosten für Ausstattung, Futter, Tierarzt
  • eine Wohnung, die groß genug ist
  • ein Kofferraum, in dem beide Platz finden
  • Restaurantbesitzer, Vermieter und Urlaubsanbieter, die mehrere Hunde willkommen heißen
  • zwei unterschiedliche Charaktere, die individuell gefördert werden wollen: Der eine Hund liebt vielleicht die Nasenarbeit, der andere findet seine Berufung im Obedience

Zwei – dafür ist auch später noch Zeit!
Wir wollen niemanden davon abhalten, zwei oder mehr Hunde in die Familie aufzunehmen. Wir haben selbst mehrere Hunde und können es uns nicht anders vorstellen. Aber es ist eine sehr anspruchsvolle Aufgabe, gleichzeitig zwei Wurfgeschwister vernünftig zu erziehen.

 

Daher: lasst euch Zeit und sucht zwei, drei Jahre später nach einem Zweithund. Auch dann braucht der Welpe viel Aufmerksamkeit und Einzeltrainings – aber der ältere Hund ist längst raus aus dem Kindergarten und hilft euch sogar bei der Erziehung des Jungspunds.

 

Von Stefanie Simon, zertifizierte Hundeerzieherin und Verhaltensberaterin BHV/IHK © Hundeschule am Schwanheimer Wald

Foto: Sonja Wissmann
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